Abbiegeassistenten für Lkw überwachen die rechte Fahrzeugseite und erkennen Velofah-rer und Fussgänger auch im toten Winkel.
Forschung und Recht

Lkw-Abbiegeassistenten können Leben retten

Von BFU Apr 14, 2020

Zwischen 2011 und 2018 kam es auf Schweizer Strassen zu 32 Rechtsabbiegeunfällen zwischen Lastwagen und Velos. Dabei verletzten sich 15 Velofahrerinnen und Velofahrer schwer, 13 der Unfälle endeten tödlich. Abhilfe schaffen können hier Abbiegeassistenten. Die BFU hat in Zusammenarbeit mit dem TCS einen typischen Abbiegeassistenten und ein Rundumsichtsystem einem Praxistest unterzogen. 

  • Zwei Radarsensoren sind vor der Hinterach-se im rechten Kotflügel integriert und über-wachen die rechte Seite des Lkw’s
  • In diesem Überwachungsbereich werden Velofahrer und Fussgänger zuverlässig detektiert.
  • Befindet sich ein Velofahrer im Überwa-chungsbereich, leuchtet in der A-Säule eine Warnleuchte auf.
1/3 Zwei Radarsensoren sind vor der Hinterach-se im rechten Kotflügel integriert und über-wachen die rechte Seite des Lkw’s

Nach rechts abbiegende Lastwagen-Chauffeure übersehen häufig Velofahrerinnen und Velofahrer, die geradeaus weiterfahren wollen. Verantwortlich dafür ist der sogenannte tote Winkel. Eine lebensgefährliche Situation. Diese Unfallgefahr können Abbiegeassistenten, welche diesen für den Chauffeur unsichtbaren Bereich überwachen, entschärfen.

Optische und akustische Warnung

Die aktuell lieferbaren Abbiegeassistenzsysteme arbeiten mit unterschiedlichen Technologien auf Basis von Radar-, Ultraschall- und/oder optischen Sensorsystemen. Auf diese Weise wird der Sichtbereich für den Chauffeur entweder mithilfe eines Kamera-Monitor-Systems erweitert, oder er wird dank der Einbindung von Sensoren bei drohenden Kollisionen akustisch und/oder über eine Warnlampe gewarnt. 

Radarsensoren und Weitwinkelkameras

Zwei verschiedene Systeme wurden in einem Praxistest auf ihre Funktionalität hin geprüft. Die Fahrversuche des TCS wurden mit einem mit Abbiegeassistent ausgerüsteten Mercedes-Benz Actros durchgeführt. Das angebotene System funktioniert mithilfe von zwei Radarsensoren, die vor der Hinterachse im rechten Kotflügel integriert sind. Beim zweiten System handelt es sich um ein Nachrüst-System mit einem 360°-Kamerasystem von Bosch (Easy Fit), das nicht explizit als Abbiegeassistent konzipiert wurde. Vorne, hinten sowie jeweils an beiden Seiten erfassen vier Ultra-Weitwinkelkameras die Fahrzeugumgebung. Dieses System wurde für die Tests in einen älteren Mercedes-Benz Sprinter eingebaut. 

Der Überwachungsbereich mit Easy Fit ist gross, doch es ist schwierig, aufgrund von Kamerabildern Distanzen und Geschwindig-keiten von Velofahrern richtig einzuschätzen.

Beide Systeme halten grundsätzlich, was sie versprechen, und ermöglichen es dem Chauffeur, rechtsfahrende Velos im Bereich des toten Winkels zu erkennen. Beim Radarsystem wird es für ganz nah am Lastwagen fahrende Velos trotzdem kritisch: Beim Test wurde z. B. eine dicht bei der Führerkabine stehende Person nicht detektiert. Diese kleine Lücke ergibt sich, weil zwischen Überwachungsbereich des Sensors und Fahrzeugseite technisch bedingt ein kleiner Winkel bleibt. Fussgänger und Velofahrer sollten also trotz modernster Technik genügend Abstand zu Lastwagen einhalten. 

Beim zweiten getesteten System auf Kamerabasis sind rechtsfahrende Velofahrerinnen und Velofahrer überall gut zu erkennen, doch es ist kaum möglich, auf den generierten Kamerabildern Distanzen und Geschwindigkeiten von Velofahrern richtig einzuschätzen.

Fazit 

Rechts vom Lkw fahrende Velos werden von Abbiegeassistenzsystemen gut erkannt. Der tote Winkel kann auf ein Minimum reduziert werden. Abbiegeassistenten können also sehr effektiv zur Verhütung von Rechtsabbiegeunfällen beitragen. Pflicht werden die lebensrettenden Systeme frühestens im Jahr 2022. Ab dann müssen neue Fahrzeugtypen auf europäischer Ebene mit Abbiegeassistenzsystemen ausgestattet sein. Die Systeme haben jedoch ihre Grenzen. Wie bei anderen Assistenzsystemen ist auch ein Abbiegeassistent der Sicherheit nur dann zuträglich, wenn der Lenker die Möglichkeiten und Systemgrenzen genau kennt und seine Aufmerksamkeit dem Verkehrsgeschehen widmet.